Volle Kleiderschränke und gute Räume

Hörspielproduzent von „Mark Brandis“ Jochim-C. Redeker hat sich Zeit für uns genommen und uns einen tiefen Einblick in seine Arbeit gewährt. Mit den folgenden Tipps und Anregungen sollte euer nächstes Hörbuch, Podcast oder Hörspiel klanglich und organisatorisch einen großen Schritt nach vorne machen. Ach ja: Was Kleiderschränke mit Sprachproduktionen zu tun haben, erfahrt ihr im Interview.

Psychedelische Synthiesounds, Laserwaffen die abgefeuert werden, kreative Soundlandschaften: Bei der seit 2006 produzierten Hörspielreihe „Mark Brandis“ kann man einfach in eine andere Welt tauchen. In eine Welt, akustisch erschaffen von Jochim-C. Redeker. Aufmerksam geworden sind wir auf Hörspielproduzent Jochim über einen stimmungsvollen YouTube-Clip zum Sennheiser Momentum. Inspiriert dadurch, haben wir den Kontakt zu Jochim gesucht und ihm ein paar Fragen zu seiner Leidenschaft und Berufung der Hörspielproduktion gestellt.

On Axis: Kannst du dich in ein paar kurzen Sätzen vorstellen und erklären wie du zur Hörspielproduktion gekommen bist?

Jochim-C. Redeker: Aufgewachsen in der Nähe von Hameln im schönen Weserbergland, wohne ich nach ein paar Umwegen seit 1995 in Hannover. Das ist meine Stadt, hier fühle ich mich wohl!

Es war die Begeisterung für elektronische Musikinstrumente, die mich zunächst in den Besitz einer ganzen Reihe alter Synthesizer brachte, die natürlich reichlich Einsatz in den Produktionen finden, da ich neben dem Souddesign für die Hörspiele auch die komplette Musik komponiere und produziere.

Eigentlich ist die Freude an Hörspielproduktionen der Ursprung meines gesamten beruflichen Schaffens gewesen, denn bereits Anfang der 80er-Jahre habe ich mit meinem Freund und Cousin Balthasar von Weymarn die ersten Gehversuche mit szenischen Hörgeschichten unternommen. Schon damals mit Blick auf Technik, Musik und Geräusche, was sich hinsichtlich des Angebotes an aktueller Homerecordingtechnologie eher schwierig gestaltete, zumal ich als Schüler vollständig mittellos war. Vielleicht war genau das der Grund für eine sehr frühe Erkenntnis: wenn Story und Atmosphäre stimmen, ist der Rest fast egal.

Die Technik hat sich verändert, das Studio ist gewachsen, doch die Hörspiele mache ich nach wie vor mit Balthasar, der als Drehbuchautor und Regisseur mit mir eine Einheit bildet, wie ich sie mir besser gar nicht vorstellen kann.

On Axis: Was machst du beruflich bzw. bist du ausschließlich Hörspielproduzent?

Jochim: Hauptberuflich arbeite ich als Produzent beim Radio, mache aber seit 2006 professionell Hörspielproduktionen. Derzeit sind es drei Serien, für die bereits mehr als dreißig Hörspiel-CDs entstanden sind. (Mark Brandis, Mark Brandis Raumkadett und Heliosphere 2265).

Wie schon erwähnt bin ich zum Broterwerb beim Radio gelandet. Privatfunk. Hier habe ich schnelles und konzentriertes Arbeiten gelernt, um in einem aufreibenden und häufig stressbelasteten Umfeld den Überblick über einen komplexen Produktionsalltag nicht zu verlieren. Daraus hervor gingen Nebenjobs als Werbesprecher für Funk und Kino, wie auch Jingle-Produktionen und Sounddesign für Werbekunden (Logos, Image-Musiken, etc.)

On Axis: Welche Produktionen liegen dir besonders am Herzen? Oder anders gefragt: Gibt es eine Produktion, auf die du besonders stolz bist oder die aus einem sonstigen Grund gesondert zu erwähnen ist?

Jochim: Musik und Hörspiel sind für mich grundsätzlich Herzensangelegenheit. Da gibt es keinen Einzelfall. Es ist das Gesamtkonzept, das mich begeistert. Manchmal sind es einzelne Passagen in einer Produktion, die ich besonders gelungen finde. Sei es die Einheit aus Story, Sound und Musik, ein neuer Versuch mit Geräuschen oder die Begegnung mit einem außergewöhnlichen Sprecher. Eine schöne Erfahrung ist die Arbeit am Raumkadett, weil die Protagonisten hier sehr jung sind, und die daraus entstehende Dynamik den Produktionsprozess überaus belebt. Bei den altgedienten Sprechern läuft mir dafür gerne mal ein angenehmer Schauer über den Rücken, wenn die richtig in Fahrt kommen. Schauspielerische Erfahrung hat eben auch etwas 😉

On Axis: Wie sieht dein Arbeitsplatz (bezogen auf Hörspielproduktionen) aus? Auf was legst du besonders viel Wert bei der Gestaltung deines Arbeitsplatzes?

Jochim: Einem alten Werbeslogan folgend „schöne Studios klingen besser“, genieße ich die Arbeit in möglichst angenehmer Umgebung. Gedämpftes Licht, sinnvolle Anordnung der Geräte, und die Couch darf auch nicht fehlen. Leere Pizzakartons und dicke Staubschichten wird man bei mir nicht finden, denn produzieren und musizieren sind für mich Wohlfühlangelegenheiten. Meine liebsten Klangerzeuger brauche ich in direkter Reichweite. Das sind der Yamaha CS80, DX-1, Jupiter-8, Minimoog, Fender Rhodes und Waldorf Wave. Traumhafte Instrumente zum Anfassen.

Beim kreieren neuer Klangwelten arbeitet Jochim mit seinen alten Synthies
Beim kreieren neuer Klangwelten arbeitet Jochim mit seinen alten Synthies

On Axis: Was sind die wichtigsten Produkte und Hilfsmittel für deine Hörspielproduktionen?

Jochim: Für die Sprachaufnahmen benutze ich meist ein Neuman TLM-170 an einem Avalon VT-737 und wandele mit RME Fireface 400. Die Post Production mache ich mit Logic-7-Punkt-irgendwas. Mit Logic arbeite ich sehr gerne, weil ich damit auch die Musik herstelle und die MIDI-Anbindung hervorragend funktioniert. Ich kann bequem zwischen mehreren Sessions hin und her springen, und in ganz verrückten Fällen produziere ich Musik und Szene sogar in derselben Session. Seit einiger Zeit musiziere ich viel mit Vienna Orchestra, für das ich einige Libraries angeschafft habe. Ich hätte wohl nie im Leben die Chance gehabt, mit einem großen Orchester aufzunehmen, doch die virtuelle Version gibt mir die wunderbare Möglichkeit, einen ähnlichen Klang zu schaffen.

In Logic wird natürlich reichlich komprimiert, gefiltert und verhallt, bis jede Szene mit Leben erfüllt ist.

Outdoor-Aufnahmen hält Jochim-C. Redeker mit dem Zoom H4N fest
Outdoor-Aufnahmen hält Jochim-C. Redeker mit dem Zoom H4N fest

Geräusche hole ich mir draußen mit einem einfachen Zoom H4n und diversen Mikrofonen (oft Sennheiser MD441). Natürlich bediene ich mich auch reichlich in diversen Geräuschbibliotheken, die nicht gerade billig sind aber eine Vielzahl an Klängen bieten, wie man sie so leicht nicht findet. Dennoch arrangiere ich diese Sounds häufig um, kombiniere sie neu und verbiege sie in allerhand Richtungen, frei nach dem Motto: erlaubt ist, was gefällt. Da es sich bei den Hörspielen um utopische Geschichten handelt, entsteht auch viel Sound mit den Synthesizern. Gerade der Yamaha DX1 liefert tolle Klänge, da man über die Oberfläche richtig in den Klang eingreifen kann, was bei der FM-Synthese sonst ein Horror ist. DX-7 Besitzer wissen was ich meine 🙂

Last but not least: Eine gute Abhöre und ein anständiger Kopfhörer. Ich höre auf B&W Nautilus (802d), weil ich darauf auch mastere und diesen Lautsprecher einfach liebe. Sieht nicht nur toll aus, sondern ergibt auch Sinn. Wer den klanglich an die Grenze bringt, hat einen wirklich guten Sound gemacht! Als Produzent muss ich aber auch in die Rolle des Hörers schlüpfen und höre deshalb auch auf dem Klassiker Yamaha NS-10 und natürlich über Kopfhörer. Der Sennheiser Momentum ist für mich eine gute Referenz, weil er den Klang nicht aufbläht, sondern ganz natürlich klingt.

On Axis: Obwohl es in erster Linie um Sprachproduktionen geht: Was ist (produktionstechnisch) der Unterschied zwischen Hörbuch, Hörspiel und Podcast?

Jochim: Zunächst einmal dürfte der technische Aufwand im Hörspiel der Höchste sein, sofern man beim Hörbuch von einer Lesung und beim Podcast von einem Beitrag ausgeht. Im Hörspiel werden zahlreiche Sprecher nicht nur künstlerisch, sondern auch klanglich aufeinander abgestimmt. Sie bewegen sich im Raum, mal schreien sie, mal flüstern sie, mal sind sie gefiltert, weil im Nebenraum, über Telefon oder als Aufzeichnung. Künstliche Räume, die Position im Panorama, die Stimmen im Vordergrund und im Hintergrund, all das sind Elemente, die für eine lebendige Szenerie entscheidend sind. Hinzu kommen Geräuschkulissen, einzelne Geräusche, die mit den Figuren wandern und Musiken, die sowohl untermalen, also auch überleiten.

On Axis: Professionelle Aufnahmen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie tontechnisch einwandfrei sind. Das hängt neben dem Know-how des Produzenten ja auch von den eingesetzten Mikrofonen ab und dem Aufnahmeraum/-platz. Im Homestudio sind die Räume und das Equipment in der Regel nicht optimal. Was ist dein Tipp an die motivierten Produzenten, damit die Aufnahmen doch gelingen. Welche Tipps gibst du den Nachwuchsproduzenten?

Jochim: In einem schlechten Raum bringt auch das beste Mikrofon nicht viel. Nachhall, Raummoden, Flatterechos und Nebengeräusche können viel versauen, zumal es auch nicht immer hilft, näher ans Mikrofon zu gehen. Irgendwann klingt auch das blöd. Im Netzt finden sich zahlreiche Videos, wie man einen Raum mit einfachen Mitteln dämpft. Mit diesen eigentümlichen Mikrofonschirmen habe ich jedoch keine überzeugenden Ergebnisse erzielt. Entweder sah ich den Schirm oder den Text – nie beides. Für Leute, die ihren Text auswendig können, möglicherweise hilfreich …

Jedenfalls würde ich nicht mein gesamtes Budget in ein tolles Mikrofon stecken, sondern eher über ein paar Stellwände nachdenken. Gute Ergebnisse bekam ich früher, wenn ich das Mikrofon direkt vor einen geöffneten (und gut gefüllten) Kleiderschrank stellte. Die Klamotten darin schlucken sehr viel weg. Eines ist aber sicher: Eierkartons helfen so gut wie gar nicht und Equalizer und Kompressor sind keine Rettungsringe. Sie wirken am besten, wenn das Basismaterial stimmt.

On Axis: Dennoch: Welche Rolle spielt die Mikrofonauswahl insbesondere im nicht klangoptimierten Aufnahmeraum? Kannst du eine Empfehlung aussprechen?

Jochim: Tja, eigentlich einen besseren Raum suchen. Vielleicht würde ich es mal mit einem guten dynamischen Mikro versuchen. Die Dinger bespricht man ja sehr direkt, wobei viel Raumanteil einfach nicht mit aufgezeichnet wird. Es gibt auch Anbieter, die PlugIns zur Hallentfernung anbieten. Ein recht Guter sitzt sogar hier in Hannover. Doch Vorsicht: Man kann sich damit den Klang auch kaputt machen, wenn man zuviel wegregelt.

On Axis: Was ist die Mindestausstattung für ein Podcast-Studio?

Jochim: Hängt vom Podcast ab. Für eine reine Wortproduktion eigentlich nur ein USB-Mikrofon und ein Computer mit einfacher Schneidesoftware. Ein Headset tut es vielleicht auch. Sicherlich kann man mit einem Smartphone auch schon einiges machen, doch etwas Komfort finde ich wichtig.

On Axis: Wie bereitet man eine Hörspiel-/Hörbuchproduktion ideal vor?

Jochim: Bei uns sehen die Bücher aus wie Drehbücher. Für den Sprecher und die Regie ist das eine gute Orientierungshilfe, denn die wichtigsten Informationen sind immer klar erkennbar. Man weiß stets, in welcher Szene man sich befindet, die Takes sind nummeriert und in übersichtlichen Blöcken dargestellt, Regieanweisungen und Produktionskommentare heben sich deutlich vom Sprechtext ab. Jeder Sprecher macht sich dann seine eigenen Notizen im Text.

Sennheisers Momentum sorgt für einen natürlichen Klang
Sennheisers Momentum sorgt für einen natürlichen Klang

Zur Vorbereitung gehört aber deutlich mehr: Um mit mehreren Sprechern wirtschaftlich arbeiten zu können, müssen diese disponiert werden, damit Studiozeiten optimal genutzt werden. Das bedeutet viel Organisation im Vorfeld, denn für manche Dialoge ist es ja sinnvoll, Sprecher gemeinsam aufzunehmen, damit die Interaktion stimmt. Profis machen ja häufig auch Filmsynchronisation. Somit sind sie ebenso in der Lage, ohne Gegenstimme zu arbeiten, was übrigens viel schneller geht. Die Zeit verliert man später aber wieder im Wortschnitt. Der Sprecher wählt dann das für ihn sinnvollste Medium aus. Die meisten arbeiten jedoch nach wie vor gerne mit Papier. Aber nur Einzelblätter und nichts Gebundenes.

Normalerweise bereite ich im Zuge der Sprachaufnahmen die Post Production vor, indem ich Szenen anlege, Geräusche und Atmos vorbereite und Musiken produziere. Auch dafür ist ein detailliertes Script hilfreich. Später fehlt oft die Zeit, um sich Gedanken über komplexe Sounds oder Kompositionen und Arrangements zu machen. Vorher ist das immer entspannter und kreativer.

On Axis: Was macht einen guten Sprecher aus, bzw. was tun, wenn man selbst noch Sprecher-Anfänger ohne spezielle Ausbildung ist?

Jochim: Tja, Übung macht den Meister – das gilt nach wie vor. Es gibt jedoch auch Sprecher, die etwas Geld in Sprechtraining oder ein paar Stunden Schauspielunterricht investieren. Es bedarf reichlich Trainings, um vor dem Mikrofon natürlich und überzeugend zu klingen. Dabei steht einem meist die Selbstkontrolle im Weg, die einem sagt „du musst jetzt besonders gut und deutlich klingen“. Echte Charaktere klingen nicht unbedingt gut, sie klingen normal. Nicht verbiegen, nicht faken, nicht anders sein wollen als man ist. Vor allem nicht während der Aufnahme kritisch sein, sondern erst hinterher. Etwas Regie von einer zweiten Person ist immer hilfreich. „Mach mal mehr, mach weniger, leier nicht so, mehr Action, sei selbstbewusster“ – das kann während einer Aufnahme sehr unterstützen, denn als ungeübter Sprecher verliert man irgendwann die Urteilsfähigkeit über die eigene Stimme.

Profis haben häufig eine solide Schauspielausbildung im Rücken, die ihnen die Fähigkeit verleiht, wandelbar zu sein. Sie wissen genau was sie tun müssen, um bestimmte Stimmungslagen zu erzeugen und wie man richtig mit dem Mikrofon spielt. Hier stört die Selbstkontrolle nicht das Spiel, sondern bringt es nach vorne.

On Axis: Welche Übungen empfiehlst du Sprechern um vor dem Mikro fit zu werden?

Jochim: Auch der Profi bereitet sich vor und setzt sich mit dem Text auseinander. Man kann sich Betonungshilfen reinkritzeln oder mit dem Produzenten über die Ansprechhaltung reden. Den Text würde ich ein paarmal durchsprechen, um seine Tücken kennenzulernen und Betonungsbögen festzulegen. Es klingt hölzern, wenn jeder Satz dieselbe Satzmelodie enthält.

Ganz wichtig: sich selbst ausprobieren. Unterschiedliche Texte mit unterschiedlicher Dramatik sprechen und Aufnehmen. Hinterher anhören und beurteilen. Gerne auch mal ein Liebesgedicht wie einen Grabrede sprechen und anders herum um zu lernen, wie unterschiedlich der Inhalt wirkt. Es macht viel Spaß, schlechte Nachrichten wie eine Jubelgeschichte zu verkaufen, einfach um den Kopf durchzulüften und zu entkrampfen. Atemübungen und Namen tanzen mögen helfen, habe ich aber bei noch keinem Sprecher ernsthaft gesehen.

On Axis: Gibt es etwas, auf was du noch eingehen willst?

Jochim: Letztendlich entsteht ein gutes Ergebnis aus einem kreativen Prozess. Der eigene Weg (oder Stil) ist wichtig, für den man sich ein paar Fragen stellen sollte:

Arbeite ich besser unter Zeitdruck oder benötige ich alle Freiheiten? Hilft mir eine Deadline um überhaupt fertig zu werden? Wodurch entstehen bei mir die besten Ideen? Was kann ich, was kann ich nicht und brauche ich Hilfe von außen? Wie gehe ich mit Kritik an meiner Arbeit um? Wo kann ich noch etwas lernen um besser zu werden? An welchen Stellen stehe ich mir selbst im Weg und sollte mich freischwimmen? Probiere ich genug aus oder verlasse ich mich auf die Standards. Entsteht in meinen Händen etwas Neues oder mache ich nur nach? (Schlecht kopiert ist meines Erachtens manchmal besser als perfekt reproduziert!)

Die Liste ließe sich fortsetzen, doch letztendlich geht es nur darum, aus einem schöpferischen Akt ein eigenständiges Ergebnis zu erhalten Das ist meine Philosophie.

On Axis: Wer sich weiter über Jochims Arbeit informieren möchte bzw. die eine oder andere Folge von „Mark Brandis“ hören mag kann dies unter den folgenden Seiten:

 

Chefredakteur von www.onaxis.de und Social Media Experte sowie Social Media Content Creator u. a. für www.videeo.eu.