Let´s do the Time Warp

Seit 25 Jahren touren Corvus Corax um die Welt. Pünktlich vor den Jubiläumsgigs in Berlin am 19. und 20. Dezember sprachen wir mit Gründungsmitglied Castus Rabensang über die Arbeit in einer Mittelalterband wie Corvus Corax und wie das Internet die Arbeit beeinflusst.

Ein kleiner Rückblick: Wir besuchten im Sommer dieses Jahres das Kaltenberger Ritterturnier (hier könnt ihr unsere Reportage darüber lesen), das als größtes Ritterturnier weltweit gilt. Neben der authentischen Kulisse benötigt es auch noch den authentischen Sound. Daher spielen jedes Jahr szenebekannte Mittelalterbands, Spielmannsleute und Barden auf dem Festival und sorgen somit für gute Stimmung und verleihen der Veranstaltung einen noch realistischeren Eindruck.

Wie schon berichtet, feierte dieses Jahr das Kaltenberger Ritterturnier sein 35. Jubiläum und der alte Prinz übergab dem jungen Prinzen erstmals die Leitung der Veranstaltung. Ein weiteres Jubiläum feierte die Band Corvus Corax: Seit nunmehr 25 Jahren erspielte sich die siebenköpfige Gruppe eine große Fangemeinde. Castus Rabensang – einer der Mitbegründer der Band – nahm sich Zeit für uns und hat eine Menge über die Arbeit im Laufe der Zeit zu berichten.

Castus Rabensang beim Kaltenberger Ritterturnier 2014
Castus Rabensang beim Kaltenberger Ritterturnier 2014

Markus Beug-Rapp — On Axis: Ihr schreibt als Mittelalterband eure eigenen Songs, woher nehmt ihr die Inspiration für das Songwriting?

Castus Rabensang — Corvus Corax: Für das Songwriting bin ich zuständig. Ich gehe zur Text- und Geschichtenrecherche zum Beispiel in Bibliotheken oder auf Reisen. Für die letzte CD war ich in Island.

Markus: Wie kommt ihr bei euren Melodien auf Ideen? Es soll ja alt klingen – wie ein Lied von früher eben. Wie geht ihr da vor?

Castus: Da gibts mehrere Möglichkeiten. Einerseits komponiere ich mit alten Instrumenten zum Beispiel dem Dudelsack oder der Cister – letzteres ist übrigens ein Saiteninstrument. Ich setze mich aber auch ans Klavier um neue Songs zu schreiben.

Markus: Wie viele Instrumente spielst du?

Castus: Also wir haben über 500 Instrumente bei uns im Studio. Ich habe mal ein Musikinstrumentenmuseum eines verstorbenen Freundes ersteigert, deswegen haben wir so viele Sachen. Wie viele ich davon spielen kann, kann ich leider nicht sagen. Aber wir spielen sehr viele Instrumente. Das war damals auch so üblich; denn als Spielmann musstest du mindestens zehn Instrumente spielen können.

Markus: Während meiner Recherche über euch, habe ich gelesen bei euch stellt Wim die Instrumente her. Stellt ihr tatsächlich alle Instrumente selbst her oder kauft ihr auch welche?

Castus: So wie wir die verwenden gibt es die nicht zu kaufen. Wir haben ja Freunde auf der ganzen Welt und wenn ich zum Beispiel dieses eine spezielle Saiteninstrument haben will, dann gehe ich beispielsweise nach Ungarn und sage dem Instrumentenbauer was ich haben will und er baut mir das dann so. Wir kaufen keine Instrumente von der Stange, das würde uns nicht ausreichen. Die meisten Blasinstrumente baut Wim für uns und die gibt es auch nur bei Corvus Corax. Wim wäre sicher Instrumentenbauer wenn er Zeit dafür hätte, aber da wir gut gebucht sind hat er in der Regel keine Zeit und baut sie deshalb nur für uns.

Beim Kaltenberger Ritterturnier

Markus: Ihr habt ja mittlerweile schon 25 Jährchen auf dem Buckel. Das ist ne super lange Zeit, da habt ihr bestimmt auch schon viel erlebt. Das Kaltenberger Rittertunier gibt es auch schon einige Jahre, wie oft wart ihr da schon dabei?

Castus: 19 Mal.

Markus: Wie läuft das dann ab, bewerbt ihr euch oder ist es mehr oder weniger gesetzt das ihr beim Kaltenberger Ritterturnier spielt?

Castus: Es ist in der Regel so, dass die Veranstalter des Kaltenberger Ritterturniers auf uns zukommen; wir sind aber im Gegenzug echt gerne dabei. Wir sind nächstes Jahr auch schon wieder gebucht zum ersten Wochenende da ist die Gauklernacht, die anderen Wochenenden haben wir schon andere Termine.

Markus: Wie viele Auftritte spielt ihr dann an einem Wochenende in Kaltenberg?

Castus: Lass mich kurz überschlagen: Da ist der Umzug, vor und nach dem Turnier und dann auf der Königsloge. Wenn man es so sieht, sind es vier Auftritte am Tag. Wenn es die Zeit erlaubt, sind wir Nachts bei den Spätvorstellungen. Und alle die aus der Band noch Lust haben gehen dann zum Milchstand oder zu den Barbaren oder zur Mühle und spielen dann einfach zum Spaß.

Markus: Das klingt fantastisch. Was unterscheidet das Kaltenberger Ritterturnier von anderen Festivals und Konzerten, gibt es da überhaupt einen Unterschied?

Castus : In erster Linie hat das Kaltenberger Ritterturnier ein unheimlich hohes Niveau.

Markus: Wie sieht denn für euch die Vorbereitung zum Kaltenberger Ritterturnier aus? Sendet ihr dem Veranstalter einen Techical Rider zu? Und bringt ihr eure eigenen Techniker mit?

Castus: Es ist so, dass wir mit dem Licht- und dem FoH-Mann von Kaltenberg arbeiten konnten. Wir sind einen Tag zuvor angereist, also waren am Donnerstag schon da und haben dann den ganzen Tag zur Vorbereitung gehabt. Während der ganzen Zeit, die wir auf Kaltenberg verbrachten wurden wir technisch sehr professionell betreut.

Markus: Waren die auch für den Monitorsound verantwortlich oder habt ihr dafür einen eigenen Techniker mitgebracht?

Castus: Monitore haben wir eigentlich nur hinten bei den Trommlern aber vorne bei den Dudelsäcken brauchen wir das nicht.

Markus: Brauchst du kein Monitoring für dein Stimme?

Castus: Theoretisch könnte ich Monitoring haben – manchmal habe ich auch welches aber es ist bei mir kein Muss. Ich höre mich so gut von innen heraus, dass ich das nicht unbedingt brauche.

Markus: Du kommst also ohne Monitoring aus?

Castus: Ja, wir haben das jahrelang gemacht. Das heißt, jahrelang ohne Monitor und auch jahrelang ohne Anlage. Aber da das Kaltenberger Ritterturnier so groß ist, hat sich die Technik über die Jahre den Besucherzahlen angepasst.

Markus: Das kann ich bestätigen. Ich habe euch nämlich vor der Rabenbühne gesehen. Wie viele Menschen werden euch da wohl gehört und gesehen haben? 6.000? 7.000?

Castus: Eben, eben … ohne vernünftige Anlage ist das nicht mehr zu bewerkstelligen.

Nach dem Gig auf der Rabenbühne beim Kaltenberger Ritterturnier trafen sich Corvus Corax mit einigen Fans beim Stammtisch
Nach dem Gig auf der Rabenbühne beim Kaltenberger Ritterturnier trafen sich Corvus Corax mit einigen Fans beim Stammtisch

Markus: Und nun zu eurer Fanarbeit. Auf Kaltenberg gab es dieses Jahr ein Fantreffen. Macht ihr sowas öfters?

Castus: Fantreffen veranstalten wir einmal im Jahr. Letztes Jahr war es auf Schloss Teuern – da haben wir auch ein Konzert gespielt. Ansonsten sind wir schon so, dass wir uns um unsere Fans kümmern. Das gehört sich einfach so und wir machen auch nach jedem Konzert eine Autogrammstunde. Das danken einem die Fans ja auch.

Mittelalter und Internet

Markus: Das ist eine schöne Einstellung. Auf eurer Seite habe ich gesehen dass es euch seit 1989 gibt und du eines der Gründungsmitglieder bist. Wie hat sich eure Arbeit durch das Internet verändert? Gibt es da einen Unterschied?

Castus: Früher war es so, dass man auch schonmal Einladungen ins Ausland hatte, aber da waren wir unbekannt. Inzwischen spielen wir überall auf der Welt: in British Columbia letztes Jahr oder Mexiko. Da tauchen wir auf und dann kennen uns Leute aus dem Internet. In Mexiko haben wir überraschenderweise fast mehr Fans wie in Deutschland; das muss man sich erst mal erspielen. Das liegt natürlich mit am Internet. Da kommen beispielsweise Leute aus Rumänien und sagen: „Wir kennen alle eure CDs.“ Diese haben sie jedoch größtenteils illegal aus dem Internet gezogen weil sie ja das Geld nicht haben. Aber es schreiben uns (mir) auch Leute von den Phillipinen und China und Japan; das sind natürlich total schöne Momente wenn man merkt dass man international bekannt ist.

Markus: Stört es dich bzw. euch eigentlich, dass eure Alben illegal heruntergeladen werden?

Castus: Hmmm … ich selbst habe noch nie einen Song illegal gedownloaded. Schließlich bin ich als Musiker da auch ein Vorbild. Wenn mir ein Song gefällt, dann kaufe ich mir das Album. So sehe ich das auch bei anderen: Wenn jemand einen unserer Songs downloaded und dieser ihm gefällt, dann wäre es extrem unfair, wenn er diesen nicht kauft. Weil wir sind ein kleines Label und machen alles selbst. Wenn also einer Geld hat und dann „seine“ Bands nicht supportet finde ich das total daneben. Bei den großen Major Companys mag das ja im Einzelnen nicht existenziell sein. Aber wir arbeiten manchmal schon hart an der Grenze. Das stört uns daher schon wenn z. B. in Deutschland illegal gedownloaded wird. In anderen Ländern mit einem niedrigen Einkommen der Bürger hingegen, sehe ich das etwas anders. Da habe ich dann nichts dagegen.

Gerade wenn man so wie wir unterwegs ist, kommen ja viele Kosten hinzu, damit man für seine Fans was bieten kann. Wir betreiben ein Tonstudio mit teurem Equipment, haben Lagerräume für unser Equipment, ein Büro und sonstige Dinge, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Das muss alles irgendwie am Laufen gehalten werden. Wir haben auch gemerkt, dass die CD-Verkäufe zurückgegangen sind. Inzwischen ist es so, dass wir mit Downloads ein bisschen Geld verdienen – aber das gleicht es noch nicht aus. Daher ist es (nicht nur) für uns wichtig, dass wenn einer Geld hat, damit auch seine Bands unterstützt.

Markus: Du hast gerade Downloads erwähnt. Hast du da einen Überblick, wie viel gedownloaded wird und wie viel an CDs verkauft wird? Ist das Verhältnis ausgeglichen?

Castus: Nee, halbe halbe ist es nicht. Es liegt eher bei einem Fünftel bei den Downloads. Downloads tragen schon dazu bei, dass etwas verdient wird aber eben noch nicht all zuviel. Gerade so Plattformen wie Spotify machen aus meiner Sicht das Geschäft kaputt. Wir haben da Abrechnungen rumliegen, die unglaublich sind. Da geht es ja noch nicht einmal um Cent-Beträge, sondern um Komma-Irgendwas-Cent-Beträge. Für 100.000 Plays bekommt man da ungefähr 10 Euro. Das empfinde ich als totale Frechheit. Da wird auf hohem Niveau am Urheber gespart.

Markus: Du nanntest gerade Spotify. Welche Plattformen bedient ihr sonst noch?

Castus: So weit wir wissen, kann man unsere Musik überall beziehen. Falls es tatsächlich eine Plattform gibt, auf der wir nicht erhältlich sind, würden wir uns über eine kurze Nachricht freuen, sodass wir das ändern können. Das geht aber alles über unseren Vertrieb. Die sorgen dafür, dass wir überall erhältlich sind. In den letzten 25 Jahren haben wir uns schon ganz schön entwickelt. Und wenn man davon leben will, muss man auch dafür sorgen, dass man alle Plattformen bedient.

Markus: Ihr seid ja eine recht große Truppe mit sieben Mitgliedern und vielen Helfern im Hintergrund. Könnt ihr von Corvus Corax gut leben?

Castus: Es ist hart! Es war schonmal einfacher. Es gibt eine Menge Leute um einen herum, die einem das Leben schwer machen – zum Beispiel ehemalige Kollegen oder so. Im Großen und Ganzen kommen wir aber klar. Uns ist auch bewusst, dass wir mit 67 keine Rente bekommen – da müssen wir halt weiterspielen bis wir umfallen (lacht). Das ist es auch, was wir wollen.

Markus: Du erwähntest, dass ihr ein eigenes Studio habt. Ist das exklusiv für euch oder nehmt ihr auch Jobs an?

Castus: Manchmal nehmen wir Freunde damit auf. Das ist dann nicht für Geld, sondern Ware gegen Ware. Was vielleicht nicht alle wissen: Wir haben ja nicht nur Corvus Corax, sondern noch andere Projekte. Da sind wir schon gut ausgelastet.

Das aktuelle Album „Gimlie“ könnt ihr unter anderem bei Amazon beziehen (hier oder auf das Bild für weitere Infos klicken)
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Markus: Mit welchem Equipment ist euer Studio ausgestattet?

Castus: Wir haben ein analoges Pult betrieben an einem Mac mit Logic. Ansonsten gibt es ja heutzutage kaum noch Grenzen, wenn es um produktionstechnische Details geht. Wir haben schon Produktionen mit über 250 Spuren gemacht. Wir haben selbstverständlich auch sehr viele Mikrofone, wobei ich jetzt gar nicht ins Detail gehen kann, da das den Rahmen sprengen würde. Wir haben für unsere speziellen Instrumente auch spezielle Möglichkeiten – z. B. ist das Abnehmen der Dudelsäcke gar nicht so einfach. Die nehmen wir teilweise mit zwei Mikros ab. Wichtiger als die Herstellerfrage ist für uns das Know-how, wie wir was machen. Gesang nehmen wir häufig mit einem Röhrenmikro ab und ab und zu nehmen wir auch Räume auf.

Wir haben beispielsweise mit unserem Nebenprojekt Berlinski Beat das Album live mit dem Produzent Moses Schneider eingespielt. Moses ist ein großartiger Produzent, der auch die Beatsteaks produziert hat. Die Idee, dass wir live einspielen, kam übrigens von Moses. Da haben wir eine Menge von ihm gelernt, was wir auch für Corvus Corax nutzen können.

Markus: Er ist also zu euch ins Studio gekommen, um euch zu produzieren?

Castus: Ja. Er ist zu uns gekommen.

Markus: Holt ihr euch häufig „neutralen“ Support für eure Produktionen?

Castus: Nicht für Corvus Corax. Da sage ich mal ganz selbstbewusst, dass uns da keiner das Wasser reichen kann (lacht). Wir haben teilweise schonmal Außenstehende zu der einen oder anderen produktionsspezifischen Frage zu Rate gezogen, jedoch haben wir schnell gemerkt, dass es hier keine aufschlussreiche Hilfe gab.

Markus: Und nun zum Abschluss: Was müssen unsere Leser noch über Corvus Corax wissen?

Castus: Naja … ich möchte mit euch, euren Lesern und unseren Fans auf die nächsten 25 Jahre anstoßen. Wir spielen am 19. und 20. Dezember in Berlin – am 19. in der Passionskirche und am 20. im K17. Das wird unsere 25-Jahres-Feier.

Danach gehen wir dann auf Tour. Das besondere an der Tour ist das Programm. Wir haben nämlich unsere Fans gefragt, was sie hören wollen und werden danach die Songauswahl zusammenstellen. Wenn man so will, spielen wir die Highlights unserer 25-jährigen Bandgeschichte. Für die Tour proben wir gerade und arbeiten unsere älteren Stücke etwas um, sodass sie zu den neueren Stücken passen. Ansonsten wünschen wir uns eine fette Party und hoffen auf die kommenden 25 Jahre.

Markus: Na dann drücke ich euch die Daumen. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und weiterhin viel Erfolg.

 

Unter www.corvuscorax.de findet ihr weitere Infos über Corvus Corax.

 

Chefredakteur von www.onaxis.de und Social Media Experte sowie Social Media Content Creator u. a. für www.videeo.eu.