Auch deine Stimme zählt

Rein technisch gesehen ist es kein Hexenwerk, Gesangsaufnahmen ordentlich zu realisieren. Dennoch ist es auch nicht so einfach, den idealen Track auf Platte oder Band zu bannen. Wie viel Esoterik und Technik benötigt werden, zeigt der folgende Beitrag.

Auch wenn der eine oder andere jetzt aufschreien mag, ist meines Erachtens der Wohlfühlfaktor bei Gesangsaufnahmen wichtiger als der reine Einsatz von Technik. Vorausgesetzt, der Sänger, Shouter, Sprachkünstler, etc. kann seinen Part auch in Perfektion. Denn eine laue Darbietung wird man auch mit Effekten nur bedingt aufblasen können. Frei nach dem Tontechnikermotto: „Shit in, Shit out!“

Was wir alles brauchen

Zur technischen Umsetzung benötigt es in erster Linie ein gutes Mikrofon sowie ein gutes Kabel, das gut zur aufnehmenden Stimme passt. Hier ausschließlich auf Kondensatormikros mit Großmembrankapsel zu verweisen empfinde ich als grundlegend falsch. Natürlich sind die Kondensatormikros ein guter Anhaltspunkt, wenn es um impulsfreudige und hochauflösende Aufnahmen geht. Jedoch gibt es hervorragende Tauchspulen, Bändchen usw. die sehr gute Ergebnisse bringen.

Eines darf man auch nicht vergessen. Kondensatormikrofone (insbesondere die günstigeren) können gerade wegen ihrer Impulsfreude schwerer im Handling sein. Ein häufig vorkommendes Szenario: Der Rechner steht im Aufnahmeraum und die Geräusche von Lüfter und Festplatte werden mit aufgezeichnet. Insbesondere bei leisen Stellen ist das dann auch deutlich im Mix zu hören. Nicht dass dynamische Mikros gegen Störschall gefeit sind, je nach Modell kommt es eben schwächer zur Geltung. Auch Kondensatormikros können hervorragend Störschall ausblenden, wenn sie stabil in der Richtcharakteristik sind. Sehr gute Erfahrungen konnte ich hierbei mit dem U87ai von Neumann sammeln — was bei einem Anschaffungspreis von über 2.300 Euro jedoch keine kostengünstige Variante ist.

Ein Poppschutz ist das nächste wichtige Utensil für eine technisch gelungene Gesangsaufnahme. Insbesondere Plosivlaute wie P und T sowie S-Laute werden hier wirksam entschärft. Zudem haben sie den angenehmen Nebeneffekt, den Sänger (nur ein bisschen) auf Distanz zum Mikro zu halten.

Kontrolle ist wichtig

Doch weiter zum Thema: Wer gut abliefern will („Fleisch ist mein Gemüse“ lässt grüßen), muss sich auch gut hören. Hierzu benötigt ihr einen Kopfhörer, der meines Erachtens mindestens drei Dinge erfüllen muss:

  • Er muss bequem sitzen. Er sollte daher sehr leicht sein und aus einem angenehmen Material gefertigt sein. Recordingsessions können sich bekanntermaßen über zig Stunden ziehen. Wenn ihr nun mit einem unbequemen Hörer arbeitet, kann das Kopfschmerzen verursachen. Falsche Materialien führen zu übermäßigem Schwitzen oder in seltenen Fällen auch zu Abfärbungen auf der Haut. Oder das Material löst sich gar in kleine Krümel auf.
  • Er sollte nach außen leise und nach innen ausreichend laut sein. Wenn ich im Studio arbeite und etwas einsinge benötige ich das Kopfhörersignal in der Regel sehr laut. Natürlich ginge es auch leise, aber dann habe ich persönlich das Gefühl, mit angezogener Handbremse zu fahren. Da jeder Sänger eine eigene Wohlfühllautstärke hat, kann es hier auch keinen Pauschaltipp geben. Jedoch stößt man an eine natürliche Grenze: Und zwar dann, wenn der Kopfhörer in das Mikrofon überspricht. Kopfhörer mit geschlossener Bauweise, sind was es das angeht, zu bevorzugen. Da sie bauartbedingt weniger Schall an die Umwelt abgeben.
  • Er sollte weniger auf einen HiFi-Wohlfühlklang abgestimmt sein, als lieber analytisches Hören ermöglichen. Das heißt übrigens nicht, dass er nicht gut klingen soll. Wichtig ist es, sich so gut zu hören, dass man sofort selbst erkennt, wenn man mal tonal daneben liegt – auch wenn es nur kleine Nuancen sind.

Zwecks Monitoring ein kleiner Tipp: Wenn ihr live mit IEM arbeitet habt ihr in der Regel einen guten Ohrhörer, der euch klanglich vertraut ist. Das empfinde ich als großen Vorteil, da ihr euch nicht umgewöhnen müsst. Falls euch ein euch unbekannter Kopfhörer nicht die nötige Sicherheit gibt, versucht einfach eure Ohrhörer zu verwenden. Professionelle Systeme bieten hier übrigens auch eine sehr gute Dämpfung nach außen, wenn es darum geht Störschall an das Mikrofon wirkungsvoll zu unterdrücken.

Wichtiges Zubehör

Neben der DAW oder sonstigem Aufnahmesystem benötigt man natürlich noch einen Vorverstärker, mit dem das Mikrofonsignal auf die richtige Lautstärke gebracht wird. Ich verwende hierzu häufig einen Channelstrip wie den Mindprint EnVoice. Wobei einem hierbei klar sein muss, dass der eingestellte Klang auch so aufgenommen wird. Also gilt hier besondere Vorsicht beim Einsatz von EQ, Kompressor und Röhrensättigung. Aber auch Audiointerfaces und Stand-Alone-Recordinglösungen haben in der Regel einen Vorverstärker integriert, die je nach Hersteller und Preisklasse schon sehr gut sind.

Ein Limiter ist bei der Aufnahme auch eine Überlegung Wert, da Gesang häufig sehr wechselnde Dynamik aufweist und daher bei zu knapper Aussteuerung mit zu wenig Headroom des Pegels schnell ins Clipping geraten kann. Ein Limiter schneidet dann einfach ausgedrückt alles über dem eingestellten Wert ab und hinterlässt dann zwar eine dynamisch eingeschränktere Aufnahme aber zumindest eine, die in der Regel noch zu gebrauchen ist.

Zusätzliches Equipment für den Gesangseinsatz im Studio sehe ich eher optional: Effekte benötige ich (beim Monitoring während der Aufnahme) nur sehr dezent oder gar nicht. Wer mit zu viel Hall oder Delay arbeitet läuft Gefahr, eine unsaubere Gesangsdarbietung einzusingen, da das Timing empfindlich gestört werden kann oder die Töne nicht richtig getroffen werden.

Insbesondere bei den letzten drei Abschnitten gilt folgendes: Heutzutage arbeiten nahezu alle mit Software-Einsatz und können sehr viele Effekte in Echtzeit einbinden, sodass der Einsatz von Effekthardware nicht mehr unbedingt nötig ist. In Cubase und mit bestimmten PlugIns lassen sich sogar die Hardware-Schätze virtuell einbinden.

Die richtige Position macht es

Beim Einsatz des Equipments gilt es einige Kleinigkeiten zu beachten. Das Mikrofon gehört natürlich vor den Mund des Sängers ausgerichtet. Sorgt mit dem Poppschutz für den Mindestabstand vor der Kapsel. Ich lasse da in etwa 10 bis 20 cm Abstand zur Kapsel. Denkt daran: Je näher der Sänger an der Kapsel (Nierencharakteristik) ist, desto stärker tritt der Nahbesprechungseffekt ein – also das Signal wird bassiger und klingt intimer.

Da es verschiedene Bauarten bei Mikrofonen gibt, solltet ihr vor der Recordingsession wissen, wo die Einsprechrichtung ist. Handheldmikros sind in der Regel von oben direkt auf den Korb zu besprechen. Viele Großmembran-Kondensatormikrofone werden häufig seitlich (auf der Seite des Logos) besprochen — insofern eine Richtcharakteristik wie Niere oder ähnliches vorliegt. Es gibt aber auch Modelle wie die des Herstellers Heil Sound, die rein optisch eine seitliche Einsprechrichtung suggerieren aber tatsächlich von vorne besprochen werden.

Ich neige die Kapsel auch häufig etwas nach unten um beispielsweise Atemgeräusche zu minimieren. Klanglich verändert sich die aufgenommene Stimme dann auch. Deshalb gilt auch hier: erlaubt ist was gefällt.

Achtet beim Kopfhörer – wie oben schon erwähnt – darauf, dass er nicht zu laut in das Mikrofon einstreut. Wenn ihr kraftvolle Passagen singt, habe ich gute Erfahrungen gemacht, die Stimme einen Tick zu leise auf den Kopfhörer zu schicken, sodass der Sänger dann intensiver dagegen ansingt. Bei Balladen kann es hilfreich sein, die Stimme sehr laut zu haben, damit auch jeder Seufzer und jeder Atemzug gut zu hören ist. Der Mix ist insbesondere bei Sängern sehr wichtig für eine gelungene Performance.

Wenn ihr den Text noch ablesen müsst, achtet bitte darauf, in so in Höhe zu bringen, dass ihr den Kopf nicht neigen müsst, sondern trotz Blickkontakt direkt in das Mikrofon einsprecht. Das Textblatt in der Hand zu halten ist übrigens keine gute Idee, da es dann schnell zu Störgeräuschen, wie rascheln oder ähnlichem kommen kann. Am Besten kann man den Text auswendig, dann gibt es auch keine Probleme. 😉 Geräuscherzeugenden Schmuck oder raschelnde Kleidung hat bei einer Aufnahmesession ebenfalls nichts zu suchen. Geräuschvoller Schmuck auf einer Aufnahme wäre beinahe selbst einem Profi wie Cyndi Lauper passiert. Dies zeigt der folgende Clip (ab ca. 2:49 min) zu den Recordings von Band Aid „We are the World“  – initiiert unter anderem von Michael Jackson und Lionel Richie:

Wenn ihr nicht selbst der aufzunehmende Sänger seid, sondern als Produzent oder Techniker für die Aufnahme sorgt, solltet ihr euch überlegen, wie ihr mit dem Sänger umgeht. Kaum ein anderer Musiker ist für negative wie auch positive Stimmungen so empfänglich. Überlegt euch also, in welchem Ton ihr dem Sänger beibringt, wenn er was nicht schafft. Häufig hilft es, eine Pause einzulegen oder an einer anderen Stelle weiterzumachen.

Selbstverständlich gibt es noch viele andere Dinge zu beachten. Wenn ihr also mit einer Methode besonders gute Erfahrungen sammeln konntet, dann freue ich mich auf euer Feedback.

Chefredakteur von www.onaxis.de und Social Media Experte sowie Social Media Content Creator u. a. für www.videeo.eu.