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Tutorial: Die richtige Atemtechnik beim Singen

Vocal Tips – Teil 2

Mit der richtigen Atemtechnik werden die Töne vom Körper getragen. Denn dann singt ihr mit der dafür nötigen Körperspannung. Welche Rolle dabei das Zwerchfell spielt zeigt euch der folgende Artikel.

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Als aller erstes möchte ich euch erklären, wie wir überhaupt Töne erzeugen. Die eingeatmete Luft versetzt während der Ausatmung die Stimmlippen in Schwingung. Singen bedeutet also einfach ausgedrückt ausatmen. Mit der richtigen Atmungsmethode und der damit verbundenen, kontrollierten Luftabgabe (Atemstütze), kann diese Schwingung der Stimmlippen aufrecht erhalten werden. Dies lässt folgende Schlussfolgerung zu:

  • Luft erzeugt Energie für den Ton.
  • Im Umkehrschluss: Keine Luft, kein Ton!

 

Wenn ihr mit der sogenannten Zwerchfell-Flankenatmung (wird weiter unten erklärt) arbeitet, senkt sich das Zwerchfell bei der Einatmung nach unten. Damit erreicht ihr zum Einen ein Auseinanderweichen der Stimmlippen (eher bekannt als Stimmbänder) und zum Anderen schafft ihr eine innere Weite und Körperspannung.

 

Übung

Stellt euch vor einen Spiegel (ihr müsst euch vom Kopf bis zum Becken beobachten können) und achtet genau auf die bisherige Ein- und Ausatmung. Analysiert dabei die folgenden Punkte:

  • Wie atmet ihr ein?
  • Wie atmet ihr aus?
  • Was dehnt sich?
  • Geschieht etwas mit dem Rücken?
  • Welche Körperteile haben sich bewegt?
  • Was ist euch sonst noch aufgefallen?

 

Die Erkenntnisse schreibt ihr am Besten mit eigenen Worten auf ein Blatt Papier oder legt ein neues Doc in eurem Rechner bzw. Smartphone an.

Und hier meine Fragen, die ihr (hoffentlich) beantworten könnt: Gingen die Schultern beim Einatmen nach oben? Oder habt ihr womöglich beim Einatmen den Bauch eingezogen? Wenn ja, dann müssen wir an der Atmung arbeiten. Weitere häufig vorkommende Fehler sind:

  • Ihr spannt förmlich ein Sixpack an (denkt daran, wir wollen singen und nicht auf die Toilette ;-)).
  • Bei der Einatmung geht nur der Bauch nach vorne (kein Weiten von Brustkorb, Rücken und Flanken).
  • Ihr stützt den Ton nicht richtig bzw. verwendet eine „falsche“ Atemstütze. Hierzu ein kleines Beispiel: ihr presst zum Beispiel den Bauch heraus. Somit kann der Ton jedoch nicht fließen. Macht das ruhig übertrieben und drück den Bauch heraus; normalerweise dürftet ihr spüren wie sich dabei Hals und Nacken verspannen.

 

Let the Breath come in & the Sound come out

Das Fundament für die Stimme ist die richtige Atmung und die Atemstütze. Doch was versteht man unter Stütze: Durch das Halten der Einatmungstendenz (also das weit halten von Brustkorb, Bauch, Rücken und Flanken), stützt ihr den Atem. Daher wird diese Technik als Atemstütze bezeichnet. Wenn ihr diese Stütze nicht anwendet, passiert womöglich das folgende Szenario: Am Ende einer Gesangszeile bleibt oft keine Luft mehr übrig. Das hängt mit einer unzureichenden Atemstütze zusammen.

Je besser die Stütze, desto kontrollierter könnt ihr die Stimmlippen gleichbleibend mit Luft versorgen. Die Luft wird aus der Lunge über die Luftröhre an die Stimmlippen gebracht. Hier wird der primäre Ton erzeugt. Jedoch gilt: ohne Resonanzräume und ohne Atemstütze wird sich der Ton nicht gut entfalten können. Das erklärt es auch schon, warum ohne Stütze kein Volumen und keine langanhaltenden Töne und Textpassagen möglich sind.

Das Auseinanderweichen der Stimmbänder bewirkt das Öffnen der sogenannten Stimmritze (Glottis). Die geöffnete Stimmritze bietet somit ein geöffnetes Einlassventil. Je größer diese Ritze desto weniger Atemgeräusch.

Beim Hörbeispiel hört ihr ein „Go“ auf zwei verschiedenen Tönen gesungen und dank Atemstütze auf dosiertem Luftstrom gleichbleibend gehalten.

 

 

Sänger müssen daher lernen die Atemstütze bewusst einzusetzen. Gestützt wird der Ton durch kontrollierte Luftabgabe mittels des Zwerchfells (bekannt als Atemmuskel). Dadurch steigt das gesenkte Zwerchfell wieder nach oben und entspannt sich. Und jetzt kommt ein weiterer Aspekt hinzu: Durch das Halten der Weite, könnt ihr das Zwerchfell unten halten und es bildet sich die so genannte „stehende Luftsäule“.

Diese Luft gilt es während des Singens eines Tones oder einer Gesangspassage gezielt und gleichmäßig abzugeben. Das klingt komplizierter als es tatsächlich ist – und ganz wichtig: es ist kein Kraftakt. Eine weitere wichtige Erkenntnis ist: euer Körper ist das Instrument, nicht der Hals.

Die Stütze unterstützt demnach die Töne und ist elastisch – also kein Bauch so hart wie Beton. Auch ist die richtige Dosierung das entscheidende Kriterium: Zu viel Körperspannung ist nicht gut, zu wenig auch nicht. Mit der Zeit bekommt ihr ein Gefühl dafür, welche Gesangspassage wie viel Körperspannung benötigt.

 

Was passiert bei der effektiven Zwerchfell-Flanken-Atmung?

Bei der Zwerchfell-Flankenatmung weiten sich bei der Einatmung Brustkorb, Bauch, Rücken und die Flanken. Beim richtigen Einatmen senkt sich demnach das Zwerchfell ab und dehnt sich zur Seite aus. Durch das Absenken und Ausdehnen des Zwerchfells wölbt sich der Bauch auch etwas nach vorne. Das geschieht übrigens von ganz alleine. Drückt also nie den Bauch aktiv heraus.

Die Lunge wird vom Zwerchfell mit nach unten gezogen, bekommt durch das Absenken mehr Volumen und kann somit mehr Sauerstoff aufnehmen. Mittels dieser Atmung kann man tiefer und intensiver ein- und ausatmen.

Manchen hilft es, wenn man mit Bildern arbeitet: Stellt euch vor, dass die eingeatmete Luft bis in die Füße geht. Atmet stets mit geöffnetem Mund ein, damit sorgt ihr, dass der Kiefer locker und die Kehle geöffnet ist. Als Übung empfehle ich es, zu gähnen. Damit passiert automatisch das oben Geschriebene und ihr bekommt ein Gefühl dafür, was in eurem Körper passieren muss.

Ein weit gedehnter Brustkorb ist übrigens notwendig, damit der Atemdruck nicht zu hoch wird. Jedoch sollte der Brustkorb nicht zu stark durch eine übervolle Lunge überdehnt werden. Versucht folgendes zu verinnerlichen: Je offener die Atmung, desto schöner und freier ist der gesungene Ton.

 

Singen heißt nicht nur hören sondern auch fühlen

Sensibilisiert euch auch dafür zu spüren, ob ihr euch während des Singens verspannt. Versucht so natürlich und locker wie möglich zu atmen. Selbst die Neigung des Kopfes oder die Position der Arme beeinflusst den gesungenen Ton. Insbesondere was es die Kopfposition angeht, gibt es nur eine richtige Haltung: Der Kopf muss locker auf dem Hals sitzen und das Kinn muss immer parallel zum Boden sein.

Haben wir nicht alle schon Aussagen wie „du musst viel Luft holen“ oder  „du brauchst nur ein Fingerhütchen voll Luft.“ Doch was davon trifft nun den Kern? Hier gibt es keine allgemein gültige Aussage. Wie so häufig müsst ihr die Songs so verinnerlichen und ähnlich wie ihr die Texte lernt, müsst ihr auch lernen, wie viel Luft ihr für die bevorstehende Gesangsphrase benötigt.

Ruhige Passagen (was es die Lautstärke angeht) wie zum Beispiel in der Strophe von Metallicas „Nothing else matters“ oder „All of me“ von John Legend benötigen nur ein Fingerhütchen Luft. Dies reicht vollkommen aus aber achtet darauf, dass ihr die Weite bis in die Flanken spürt. Denkt daran: Auch der kleinste Ton hat eine Körperspannung. Höhere und intensivere Töne benötigen in der Regel etwas mehr Luft und mehr Körperspannung.

 

Übung „Atemkontrolle“ mit den Checkergriffen

Achtet bei den folgenden Übungen (insofern nichts anderes dabei steht) auf eine gerade Körperhaltung, steht aufrecht positioniert, ohne Hohlkreuz oder Rundrücken. Ein Hohlkreuz kann nämlich das Absenken des Zwerchfells verhindern.

Auf den folgenden fünf Abbildungen zeige ich euch die Checkergriffe:

(Beachtet bitte, dass ihr bei den folgenden Übungen zuerst durch die Nase einatmet; danach versucht ihr es mit offenem Mund – so als währt ihr über etwas erstaunt.)

Eine weitere nützliche Übung zur richtigen Atemtechnik stelle ich euch im folgenden Szenario vor:

Setzt euch auf einen Stuhl und nehmt eine gerade Haltung (kein Rundrücken) ein. Achtet darauf, dass ihr entspannt sitzt (Beine nicht übereinander schlagen). Nun haltet ihr den rechten Arm unter die Nase und stellt euch vor, wie ihr ein wunderbar duftendes Parfum einatmet. Nun inhaliert es langsam ein (stellt euch vor, ihr atmet bis in die Füße).

Was ist jetzt passiert? Hat sich euer Körper anders verhalten? Sind Bauch, Rücken, Flanken und Taille bei der Einatmung weit geworden ? Wenn ja, habt ihr alles richtig gemacht. Glückwunsch :-)

Wenn ihr die vorher beschriebenen Übungen beherrscht, dann versucht euch an den nachfolgenden zusätzlichen Übungen zur Zwerchfellatmung:

 

Ventilübung

 

Zusätzliche Übungen

  • Für die folgende Übung könnt ihr die Checkergriffe 2 und 3 verwenden: Atmet wieder durch die Nase ein und halte dabei ein Nasenloch zu. Nun atmet wieder gleichmäßig auf „Schhhhhhhhh“ aus. Auch hier ist es wichtig einen gleichmäßigen Ton zu erzeugen und so lange wie möglich die Weite zu halten.
  • Für diese Übung benötigt ihr als Hilfsmittel einen Trinkhalm. Stellt euch gerade hin und richtet euer Kinn parallel zum Boden aus. Hierbei ist es wichtig, dass Kopf und Hals ganz locker und entspannt sind. Nun atmet aus und leert eure Lungen bestmöglich. Zieht dabei den Brustkorb und auch den Bauch nach innen. Atmet so lange aus bis ihr automatisch wieder einatmen möchtet. Nun zieht bei der Einatmung langsam an dem Strohalm. Während ihr an dem Strohalm langsam zieht, stell euch vor, dass ihr euren Körper rundherum mit Luft füllt. Spürt ihr, wie sich euer Körper weitet?

 

Übt die Checkergriffe so oft es geht. Euer Muskelgedächtnis speichert mit der Zeit alle Prozesse ab und irgendwann braucht ihr nicht mehr darüber nachzudenken, ob ihr richtig atmet. Ihr atmet dann ganz automatisch richtig.

 

Mit Stütze sprechen

Die folgende Übung könnt ihr mit allen Checkergriffen durchführen. Einatmen, Weite halten, ca. 2 Sekunden konzentriert inne halten und von 1–10 gut artikuliert sprechen. Löst die Körperspannung erst auf dem „N“ von 10. Hört auf euren Stimmsound und versucht in so präzise wie möglich zu beurteilen.

  • Wenn es gedrückt klingt, macht ihr etwas falsch.
  • Auch verhaucht darf er nicht klingen; denn dann verliert ihr zu viel Luft und die Weite des Körpers geht verloren.
  • Erfindet auch nicht den Buchstaben „H“ dazu oder setzt ihn auch nicht irgendwo dazwischen. Wenn ihr eine 1 singt, soll es auch nach „eins“ klingen und nicht nach „Heinz“ oder „eheins“ :-)

 

Die gleiche Übung könnt ihr jetzt mit dem ersten Satz eines Songs eurer Wahl versuchen. Es ist wichtig, dass ihr erst am Ende des gesprochenen Satzes die Spannung löst. Jetzt probiert mit dem gleichen Sprechgefühl den Satz zu singen. Für den Anfang ist es besser bzw. einfacher, wenn ihr eine Gesangspassage wählt, die in der Tonhöhe eurer natürlichen Sprechstimme am nächsten kommt.

Wenn ihr diese Übung verinnerlicht habt, wendet euer neuerlangtes Können auf ganze Songs an: Einatmen, Körperspannung aufbauen, Weite halten, Passage singen bis zur Pause und dann wieder die Weite lösen. Diesen Prozess wiederholt ihr bis der Song zu Ende gesungen ist.

Überstürzt nichts und erwartet nicht zu viel. Seid geduldig: Gut singen können geht leider nicht von heute auf morgen. Verliert nicht den Spaß daran und haltet die Motivation aufrecht. Und denkt daran: Die Atemtechnik ist das Fundament für eure Stimme. Damit dürfte es auch mit den Gigs klappen, ohne heiser zu werden.

 

Letzte Änderung am Dienstag, 07 Juni 2016 17:54
Angie Damschen

Autorin On Axis

Unsere Kompetenz in Sachen Gesang und Stimme. Angie ist professionelle Sängerin für Studio und Live. Sie arbeitete u. a. mit der bekannten Größe La Toya Jackson oder coachte Breathe Atlantis sowie Flash Forward und leitet die Gesangsschule VCN – Vocal Coach Niederrhein.

Webseite: www.vocalcoach-niederrhein.de

2 Kommentare

  • Kommentar-Link Angie Damschen Dienstag, 05 Mai 2015 13:39 gepostet von Angie Damschen

    Hi lieber Nikolaus,

    vielen Dank für Ihre Frage ... gerne beantworte ich Ihnen diese:

    Ich hoffe, Sie haben das Thema Atemtechnik genau durchgelesen und die Fotos „Checkergriffe“ angeschaut. Bei der Einatmung weiten sich, wie beschrieben der Brustkorb, der Bauch und die Flanken. Diese Einatmungstendenz (= Körperweite) wird für die zu singende Passage gehalten (Atemstütze).

    Ganz wichtig: Ohne Kraftanstrengung! Mit der Einatmung bauen Sie somit eine Körperspannung auf.

    Hier ist es hilfreich, wenn man einen Gesangslehrer zu Rate zieht, der einem das genau zeigen kann und gegebenenfalls korrigierend eingreift ;-)

    Wenn es soweit verständlich ist, ist es auch hilfreich den Abschnitt „Mit Stütze sprechen“ nochmals durchzuarbeiten.

    Liebe Grüße Angie

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  • Kommentar-Link Nikolaus Buchholz Samstag, 02 Mai 2015 11:34 gepostet von Nikolaus Buchholz

    "haltet die Weite": ....fachchinesisch. Bitte erklären Sie
    wie man das tut, welche Weite

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